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aktualisiert am 10.05.2013
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Was wollt ihr uns denn mit eurem Stück eigentlich sagen?

Ein paar Antworten auf wiederkehrende Fragen

Die Tour liegt nun schon wieder eine kleine Weile zurück. Wir haben unser "KLEIN STATT LEBEN" 14x gespielt vor insgesamt etwa 2500 Menschen, und langsam ist da einiges soweit gesackt, daß ich eine erste Einschätzung abgeben kann, was das eigentlich sollte. Ich greife mir dabei erstmal nur einen speziellen Punkt von vielen heraus.

"DU BIST NIX, DU KANNST NIX, DU HAST NICHT MAL EINE UNIFORM" (von der eher naiven, "tussigen", durchaus aber auch rechtsdrehenden "Niekohle" aus unserem Stück)

Die vermeintlich richtigen Parolen werden wohlwollend beklatscht, auch wenn sie explizit in rechten Kontexten auftauchen. Weiteres Beispiel: Ole, unser Proll ist beteiligt an der Pogromstimmung gegen den Kioskbesitzer. In diesem Zusammenhang sagt er irgendwann, daß "keine Gewalt auch keine Lösung" sei. Diese Stelle wurde eigentlich immer von einigen Leuten beklatscht. Oles Spruch steht in einer Reihe mit Sätzen wie: "Früher hätte es das nicht gegeben" "...du gehörst abgeschafft..."(zum Kioskbesitzer) und "Alle Macht geht vom Volke aus" . Wir dachten eigentlich, daß spätestens an diesen stellen, unserem Publikum das Lachen vergeht oder zumindest im Hals stecken bleibt... aber Irrtum....

Warum ist das so?! Zugegeben, wir sind sehr trashig und unterhaltsam. Aber: Wir spielen in diesem neuen Stück nur "Unsympathen"...Wir haben auf der Tour an den Reaktionen gemerkt, daß die Menschen, die uns zugucken, wohl häufig auf der Suche nach Verhaltensmustern und Personen sind, an denen sie sich positiv orientieren können. Die bieten wir aber (ganz bewusst) nicht (Jedenfalls nicht INNERHALB unseres Stückes). Und da wird es für viele schwierig. So wird es dann auch schon mal dankbar aufgenommen, wenn "Angelika", die etwas überengagierte und diffuse Aktivistin, die als einzige in unserer kleinen Stadt "Opposition" ist (aber eben leider komplett angepasst, eingeplant und vereinnahmt), das erste Mal auftaucht. Und so wird dann auch gerne darüber hinweg gesehen, daß auch der Postbote bei aller Sympathie, die er sich durch seine etwas unbeholfene Art einspielt, eigentlich ein kurzsichtiger Alltagsrassist ist. Am Ende sagt er immerhin, daß "dann eben auch mal die Luft oder was anderes brennen muss". Dass er sich dabei ausgesprochenermaßen auf Nick und seine Bürgerwehr bezieht und vorher was von "Chinesen, Arabern und fußpilzkranken Kommunistenspinnern" erzählt, geht scheinbar unter bei vielen. Wir erzählen in unseren bürgerlichen und teilweise reaktionären Rollen so einiges in rassistischer, sexistischer Art und Weise. Da wird sehr unterschiedlich drauf reagiert. Das wissen wir jetzt. Spannend wird es aber meines Erachtens erst an dem Punkt, wo Kommunikation und Austausch darüber entstehen. Das "sich selbst ertappen beim Lachen über Dinge, die nicht "pc" sind", ist ein wichtiger Moment in diesem Zusammenhang. Klingt pädagogisch? Für die einen sicher ganz doll, für die anderen ist das aber ein ganz "normaler" Prozess von "sich Gedanken machen"...

Diese Überlegungen sind übrigens kein "Konzept", welches sich Revolte Springen erarbeitet hätte. Diese Überlegungen sind vielmehr der Versuch, das Stück hier und da auf seine "Wirkung" abzuklopfen. Ist sowas überhaupt "sinnvoll"??

Einen guten politischen Song singen in der Rolle eines sympathischen "Gutmenschen", das haben wir in der Vergangenheit in verschiedensten Facetten schon ohne Ende praktiziert und machen es an anderer Stelle auch weiter und immer wieder, aber "Arschlöcher" darstellen und keine "Helden" dagegen aufbauen?! Geht das überhaupt?! Soll und darf linkes Theater das? Was geht wirklich in die Tiefe? Wo entsteht Oberflächlichkeit? Muss nicht wenigstens irgendwo mal eine revolutionäre Option auftauchen? "Spaß machen" täte das allen auf jeden Fall mehr...

Revolte Springen hat sich in der Entwicklung des Stückes so einiges inhaltlich vorgenommen. Ein Teil, der auch geblieben ist, ist dabei, daß wir auch aufzeigen wollten, daß beispielsweise "Rassismen" IMMER konstruiert sind. Das mag auch ein bisschen mein eigener und persönlicher Film dabei sein, aber immerhin haben wir alle darüber diskutiert, ob wir beispielsweise antisemitische Zuschreibungen ganz offensichtlich mit in die Texte hinein schreiben. Wir haben uns dagegen entschieden aus Angst, daß das zu platt werden könnte, aber auch aus so 'nem Gefühl heraus, daß wir Sätze wie "....der Kioskbesitzer...sag' mal, der ist doch Jude..." auch in den jeweiligen Rollen nicht wirklich gerne aussprechen wollen. Sicher steckt da auch die Angst mit drin, tatsächlich mal aus völlig entgegengesetzten Motivationen dafür Applaus zu bekommen. Das ist ein schwieriges Thema.

Klar ist aber, daß uns wohl nur der Austausch über diese Herangehensweisen und die Reaktionen darauf weiter bringen.

In diesem Sinne und in der Hoffnung, an einer Stelle etwas Transparenz geboten zu haben, grüßt euch

YOK

7.5.07